Es ist ein ernüchterndes Fazit: Programme zur Aids-Vorbeugung haben weltweit versagt, so das Ergebnis mehrerer Studien. Auf der Welt-Aids-Konferenz in Mexiko suchen Forscher nun nach neuen Ansätzen, um zumindest die schlimmsten Folgen der Epidemie zu lindern.

Mexiko-Stadt – Zu diesem Schluss kommen führende Aidsforscher in einer umfassenden Analyse für das Medizinjournal „The Lancet“, die am Dienstag auf der Welt-Aids-Konferenz in Mexiko-Stadt veröffentlicht wurde. Mehr als 90 Prozent der gefährdeten Menschen weltweit würden von den wichtigsten Präventionsprogrammen überhaupt nicht erreicht, kritisieren Michael Merson von der Duke University in Durham (US-Bundesstaat North Carolina) und Kollegen. Dabei könnten zielgerichtete Projekte bis 2015 rund zwölf Millionen HIV-Infektionen verhindern, mahnte Peter Piot, der Chef des Uno-Aidsprogramms (UNAIDS).

„Die vergangenen 25 Jahre der HIV-Vorbeugung sind gekennzeichnet von Inseln des Erfolgs in einem Meer der Fehlschläge“, resümieren Mediziner um Stefano Bertozzi vom mexikanischen Nationalinstitut für Öffentliche Gesundheit. In vielen Ländern gingen Vorbeugungsprogramme an der gesellschaftlichen Realität vorbei. Oft würden etwa besondere Risikogruppen wie Drogenabhängige, Prostituierte und homosexuelle Männer aus politischen Gründen ignoriert.

So habe in Ländern, in denen sich HIV wesentlich über Sex unter Männern verbreite, im Mittel nur etwa ein Viertel der Schwulen auch Zugang zu umfassenden Präventionsprogrammen, schreibt Bertozzi. Und nur rund ein Drittel der Länder, in denen verseuchte Drogenspritzen einen wichtigen Anteil an den HIV-Infektionen haben, besitze überhaupt ein entsprechendes Vorbeugungsprogramm für Abhängige. So sei zwar die Bereitstellung steriler Injektionsnadeln für Drogensüchtige einer der Eckpfeiler der australischen Aidspolitik, in Schweden und den USA gebe es dafür jedoch keinerlei Unterstützung.

Zielgerichtete Prävention könne sehr erfolgreich sein, betonen die Experten in ihren insgesamt sechs Fachaufsätzen. So habe ein Projekt für indische Prostituierte die Häufigkeit von HIV-Infektionen auf immerhin zehn Prozent gesenkt – ein erstaunlicher Wert verglichen mit den sonst üblichen 50 bis 90 Prozent unter Prostituierten in vielen indischen Städten.

Der Welt-Aids-Bericht der Uno-Unterorganisation UNAIDS, aktualisiert im Dezember 2007, schätzt die Zahl der Menschen, die weltweit mit dem HI-Virus infiziert sind, auf 33,2 Millionen. Die Experten unterschieden acht unterschiedlich stark betroffene Regionen:

UNAIDS-Chef Piot mahnte eine offene Aufklärung der Jugend, gezielte Projekte für Drogenabhängige und die Einbeziehung sexueller Minderheiten in HIV-Vorsorgeprogramme an. Einig sind sich die Experten, dass der Kampf gegen Aids nur mit einer Stärkung der Frauen zu gewinnen sei. Deren soziale schwache Stellung mache sie in vielen von der Aidsepidemie betroffenen Ländern wirtschaftlich abhängig von ihren Männern und erschwere ihnen damit, etwa die Benutzung von Kondomen beim Sex durchzusetzen.

Clinton kritisiert Geschlechter-Ungerechtigkeit

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte die internationale Gemeinschaft auf, mehr Geld in soziale Projekte zu investieren, um weltweit Armut und die Aidsepidemie zu bekämpfen. Bei einem Besuch im mexikanischen Außenministerium anlässlich der Welt-Aids-Konferenz kritisierte er vor allem die reichen Staaten, die 1,3 Billionen Dollar für Waffen ausgäben. Wenn diese Gelder für soziale und wirtschaftliche Entwicklungshilfe zur Verfügung stünden, könnten maßgebliche Fortschritte bei der Überwindung von Armut und der Bekämpfung der Seuche Aids erreicht werden, sagte Ban.

Der frühere US-Präsident Bill Clinton forderte auf der Konferenz eine eigene Behörde für die von der Aidsepidemie betroffenen Frauen unter dem Dach von UNAIDS. „Im Kampf gegen die Epidemie muss auch der Kampf gegen Ungleichheit der Geschlechter und die Gewalt in allen ihren Aspekten einbezogen werden“, betonte Clinton, dessen Stiftung nach eigenen Angaben unter anderem 1,4 Millionen HIV-Infizierten den Zugang zu Medikamenten ermöglicht.

Mit maßgeschneiderten Projekten ließe sich die Zahl neuer HIV-Infektionen bis 2015 mindestens halbieren. Dies würde zugleich 24 Milliarden US-Dollar (15 Milliarden Euro) Behandlungskosten sparen, betonen die Mediziner. Ein Impfstoff oder ein Heilmittel für HIV seien jedoch nicht in Sicht. „Obwohl wir immer noch hoffen, dass eines Tages eine Wunderwaffe entdeckt wird, müssen wir jetzt Vorsorgeprogramme auf den Weg bringen, die ohne diese erfolgreich sein können“, betonen Bertozzi und Kollegen.

Die internationale Gemeinschaft darf nach Ansicht der Mediziner nicht den Fehler der neunziger Jahre wiederholen, als Aids weitgehend von der politischen Agenda rutschte, was der Seuche eine fulminante Ausbreitung ermöglichte. Piot warnte, ein Versagen bei der Etablierung effizienter HIV-Vorbeugung wäre verheerend und noch für Generationen zu spüren.

Advertisements